TrashTV für alle! Oder: Social Media als Panoptikum

TrashTV für alle! Oder: Social Media als Panoptikum

Social Media ist toll. Es ist TrashTV, aber man kann sich einreden, dass es gar nicht so niveaulos ist, weil man ja auch den klugen, lustigen Köpfen der Zeit folgt. Dabei ist die Tatsache, dass die Accounts nicht weniger gescripted sind als die Kardashians, vollkommen egal, schließlich wirken sie dennoch realer (gut könnte auch einfach daran liegen, dass ich mich mit jemanden, der Urlaub an der Ostsee macht mehr identifizieren kann als mit jemanden, der gerade Panik wegen eines Playboy Covershoots hat, aber das soll jetzt mal sekundär sein).

Als Erweiterung und Erleichterung des offline Prinzips „sehen und gesehen werden“, lebt es sich auf Social Media ziemlich gut – und doch erinnert die Struktur der Netzwerke auch sehr an ein Panoptikum, jene Gefängnis-Architektur mit der sich Foucault ausgiebig in „Überwachen und Strafen“ beschäftigt.

Ein Panoptikum zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ein*e Wächter*in in einem in der Mitte positionierten Turm zu jedem Zeitpunkt in alle Zellen schauen kann, ohne dass deren Bewohner*innen es mitbekommen. Social Media funktioniert in zweierlei Hinsicht genauso:

  1. Seit Jahren folgt ein Datenschutzskandal dem Nächsten. Die obersten Wächter, also die Betreiber und Anbieter der sozialen Netzwerke, sehen und verwenden die Daten ihrer Nutzer*innen, die die einzelnen Zellen „bewohnen“, ohne dass diese aktiv etwas dazu beitragen. Die Tatsache, dass sie jedoch zu Beginn ihrer Nutzung dieser unsichtbaren Verwendung und Durchleuchtung ihrer Daten, welche letzten Endes ihr gesamtes digitales Leben darstellen können und oft genug auch sensible Details ihrer offline Identität enthalten, durch Einwilligung in die Datenschutzverordnungen und AGB zustimmen. Dieses Verhalten bestätigt Foucaults Kommentar, dass die Gesellschaft die panoptische Maschine „selber in Gang (hält)“[1]. Mit anderen Worten: wir sind halt selbst schuld. 
  2. Beim Durchscrollen durch den Feed verfällt auch jede*r Nutzer*in in die Rolle des Wächters, schaut in die einzelnen Zellen der Anderen hinein, ohne dass diese es in dem Moment aktiv merken. In den letzten Monaten war vor allem auch im Zusammenhang mit dem Corona-Lockdown und der „cancel culture“, die Überwachungsfunktion der einzelnen Nutzer*innen gegenüber anderer Nutzer*innen aufgefallen – und wie sehr sich online und offline Leben doch beeinflussen.

Der zweite Punkt ist natürlich wesentlich streitbarer, schließlich lädt man die anderen Nutzer*innen ja irgendwie auch ein sich seine Zelle anzuschauen – und diese Tatsache verwandelt das Gefängnis dann eher wieder Richtung TrashTV und der Ur-Form jenes: das Schauspiel.

Wer auf Social Media postet ist Teil eines Schauspiels, für das die Netzwerke die Vorderbühne bereitstellen. Der Backstage-Bereich wäre nach Erving Goffman dann dass, was offline passiert, wenn der*die Nutzer*in seine*ihre Online Präsenz vorbereitet. Die Rolle, die er im sozialen Netzwerk präsentiert, ist dann, ebenso wie in der offline Welt, abhängig von der Reaktion des Publikums, das heißt der Mitnutzer*innen des Netzwerkes. Anders als im klassischen Theater oder beim TrashTV formt und ändert sich die Rolle jedoch durch die soziale Interaktion mit dem Publikum, das durch die Architektur des Panoptikums eben auch eine überwachende Funktion erhält.

Verwerflich ist daran nichts. Sowohl dem Schauspiel als auch dem zweifachen Panoptikum stimmt man als Nutzer*in schließlich zu. Man sollte es halt nur nicht vergessen jenes unterhaltsame „big brother is watching you“.  

Egal, ob TrashTv, Theater oder eben Social Media.


[1]Foucault, Überwachen und Strafen, S. 279.

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