Eher nicht

Eher nicht

Ich wollte immer eine Wohnung, in die die Sonne mit voller Wucht scheint. Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass die Sonne, wenn sie direkt hineinscheint, es unmöglich macht aus dem Fenster zuschauen, ohne zu erblinden. Dieser ganze Sonnengedanke wurde somit recht schnell zu einem weiteren Fall, der in der Theorie bezaubernd klingt und in der Praxis eher weniger funktionstüchtig ist.

Aber es ist auch egal. Wenn ich morgens vor der knatternden Maschine, die je nach Lust und Laune guten oder eher nicht so guten Kaffee macht, stehe, genieße ich die Sonnenstrahlen im Rücken. Heute machte sie eher den Kaffee, der schmeckt als hätte man über Nacht seine Socken im Wasserbehälter aufgeweicht. Nach dem ersten Geschmackstest, der ersten Einschätzung des Tages, ziehe ich die Vorhänge bis nachmittags zu. Meist vergesse ich sie wieder zu öffnen, so dass mein Blick auf die verhüllte beige Welt da draußen fällt bis ich mit Anbruch der Dunkelheit merke, dass ich den Wald ja gar nicht sehe.  

Langsam schiebe ich dann die alten Tischdecken zur Seite (upcycling war etwas zu trendy als ich in die Wohnung einzog). Je nach Wetterlage sehe ich das Wasser nun trotz Dunkelheit oder eher nicht. Heute war ein eher nicht Tag.

Dabei ist eher solch ein komisches Wort. Das geborene Wort für Geisteswissenschaftler, die keine Ahnungen, sondern Tendenzen haben. Irgendwie macht das, das eher eher sympathisch. Eher kann auch als passiv aggressive Beleidigung verwendet werden (oder freut sich jemand über ein „du bist eher schön“?).

Eher. Wenn du allein im Raum stehst wirkst du beunruhigend.

Eher.

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