Die Reise

Die Reise

Wortlos gingen die Massen aufs Schiff. Niemand trieb sie dazu, trotzdem war seine Macht durch ihre Bewegung zu spüren. Es wurde eng. Nur die bezauberte Lüge der Hoffnung half ihnen den finalen Schritt zu wagen, denn niemand außer ihr kann einem so glaubhaft vermitteln, man sei nun frei. Frei für sein Leben dabei war es doch eher frei anstelle von leben.

Der stille Schlauch nahm die Wellen des Meeres auf, schwappte mit ihnen hin und her, nur selten tatsächlich nach vorne. Man glaubte zu sehen wie die Vernunft an Land blieb, aber sie war eine Fata Morgana, handelte seit Jahren nicht mehr in ihrem Land und zweifelhaft war ihre Existenz auf dem gesamten Ball. Jemand flüsterte seinem erstarrten Sohn ins Ohr, dass nun, wo sie frei sind, alles wieder gut werden würde. Alles wird gut. Alles wird gut. Alles wird – seit Wochen spricht er dieses Mantra. Tag für Tag. Überall – beim Laufen, beim Beten, beim Essen. Die Worte gleiten über seine Lippen, er würde sie so gerne glauben. Doch das ständige hämmern der Vergangenheit in seinem Kopf bestätigt ihm: nichts wird jemals wieder gut. Selbst wenn dieser vernarbte Klotz in seiner linken Brust im Körper bleibt und er tatsächlich wieder atmen kann, selbst dann werden sie nicht wieder frei. Der, der sie zu alldem trieb, hat sie nur ausgesperrt ins Freie. Sie dachten, sie riesen sich los von seinen Fesseln, stattdessen ziehen sie diese bloß noch fester zu.

Ein kleines Mädchen traute sich nicht zu weinen. Die Wellen sprangen sie an. Ihre Wangen waren bereits ganz taub. Das aufkommen des pelzigen Gefühls verwies sie auf die eklige Wirklichkeit. Angst entsprang ihren Augen. Die menschliche Furcht um das Leben tropfte von ihrer Stirn. Durchnässte ihr Inneres, drückte am Ende doch voller Gewalt aus ihren Augen hervor. Sie wollte nicht weinen. Nicht weinen, nicht weinen, sie wollte schreien. Dabei war die Reise doch ihr Wunsch gewesen. Kein wahrer Wunsch, aber doch der Beste. Lieber sich der Unvernunft des Meeres aussetzen, als der der Menschen. Die Eine vergisst ihre Fehler wenigstens nicht. Sie hebt sie auf, tief unter jeglichem Licht verborgen, holt sie von Zeit zu Zeit als Andenken an ihre Kraft wieder hoch. Was sollen diese Gedanken? Sie kann nun nicht mehr zurück. Ihr Weg ist doch besiegelt.

Freiheit schwingt im stillen Gewusel der fahrenden Gruft mit. Freiheit- was für ein widerlicher Begriff. Schultern pressen sich aneinander. Maximale Platzeffizienz gepaart mit stetigem Hungergefühl. Nun sind sie auf ihrer Reise angekommen. Nur noch ein Boot. Ein einziger Körper. Als Gestalten denunziert. Ein Schiff kann keine Geschichte haben. Es hat keine Seele. Es ist ein Objekt. Nur wenn es neu ist, hat es eine Art von Wahrheit. Es muss erfunden werden um sich zu finden. Sie wollen sich finden. Irgendwo, bloß nicht hier. Sie wollen sich finden- aber bitte nicht im Meer. Bitte nicht- Sie wollen sich finden, sie wollen… – Ich wollte Ballerina werden. Ich wollte tanzen wie keine davor. Man sagte mir, ich hätte Talent. Ich sei was Besonderes. Ich wollte was Besonderes sein. Im Licht des Elends flackert mein Herz auf wie ein letztes Zeichen eines erloschenen Sterns. Es lebt also doch noch. Eine Tänzerin wirbelt vorbei, die Bomben begleiten sie dabei, ich renne, ich laufe, ich renne wie mir gesagt wird. Ich tue wie verlangt, ich bin nicht ich. Das ist nicht meine Stimme. Ich höre Stimmen. Eins, zwei. Sie schreien nach mir. Eins, zwei. Nein, ich – Eins, zwei – ich will nicht- Eins, zwei —————–

-Freiheit.

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